Fußball, Landesliga: Der SV 09 Staßfurt gewinnt auch das Rückspiel gegen Union 1861 Schönebeck und beweist trotz Unterzahl, welche Kämpfermentalität in der Mannschaft steckt.
VON TOBIAS ZSCHÄPE
STAßFURT/SCHÖNEBECK. An der Seitenlinie wurde kurz überlegt: „Hat Papa diese Saison schon ein Tor gemacht oder nicht?“, fragte sich Familie Hartmann nach der Einwechslung von Kevin Hartmann in der 37. Minute. Der etatmäßige Innenverteidiger des SV 09 Staßfurt kam für den angeschlagenen Nick Pumptow auf den Platz und musste aus Mangel an Alternativen auf ungewohnter Position im Sturmzentrum ran – sehr zum Gefallen seiner Kinder, die ihn lautstark anfeuerten.
Doch um die eingehende Frage zu beantworten: Ein Torerfolg war ihm, seitdem er wieder das Trikot der 09er trägt, noch nicht vergönnt und auch im weiteren Verlauf des Landesliga-Kreisderbys bei Union 1861 Schönebeck sollte keiner hinzukommen. Dennoch hatte der Papa nach Abpfiff allen Grund zur Freude: Selbst in Unterzahl ließen sich die Bodestädter nicht unterkriegen und gewannen am Ende mit 3:2 (2:1) an der Elbe. Inklusive extatischem Jubel und „Derbysieger“-Sprechchören auf dem Spielfeld. „Wir mussten uns in den vergangenen Jahren viel anhören, dass wir gut spielen, aber nicht kämpfen können. Ich glaube, das haben die Jungs heute eindrucksvoll widerlegt“, zollte auch Trainer Philipp Schmoldt seinem Team Respekt.
Dabei ließ die Anfangsphase des Prestigeduells einen ganz anderen Spielverlauf vermuten. In der ersten Viertelstunde hatten Jonatan Schäfer und Marcus Wolkenstein zwei Riesenchancen zur Schönebecker Führung. Wolkensteins Abschluss blockte Torben Zöger gerade noch auf der Linie. In der 21. Minute war es dann aber soweit: Fast hätten die Gäste erneut Glück gehabt, denn der Schuss von Jan Niklas Frenkel prallte von der Querlatte auf die Torlinie und wieder zurück ins Feld – doch der Linienrichter hatte gute Sicht und entschied auf Tor für Union. Und damit nicht genug. Nur Augenblicke später erhöhte Schäfer vermeintlich auf 2:0, doch diesmal zeigte der Schiedsrichterassistent mit seiner Fahne eine Abseitsstellung an.
Doch Schönebecks Trainer André Hoof war schon in dieser Phase unzufrieden mit dem Defensivverhalten seiner Mannschaft und teilte dies dieser gut hörbar mit, nachdem Pumptow in Minute 24 beinahe den Staßfurter Ausgleich erzielt hatte. Was zu diesem Zeitpunkt noch nach Meckern auf hohem Niveau klang, entpuppte sich wenig später als bittere Realität, denn Robert Lampe stellte einmal mehr seine Torjägerqualitäten unter Beweis, ließ zwei Gegenspieler stehen und traf zum 1:1.
Spätestens mit dem Ausgleich waren die Gäste in der Partie angekommen und rissen diese an sich. Jonas Schulz nach einem überragenden Dribbling von Lampe gegen drei Gegenspieler (30.) und noch einmal nach einem eigenen Solo (39.) hatte die Führung bereits zweimal auf dem Fuß, scheiterte aber an Union-Keeper Leon-Pascal Jaffke. Gegen Lampes Direktabnahme kurz vor der Pause war aber auch der Schlussmann dann machtlos.
Der folgende Kabinenaufenthalt schien die 09er jedoch wieder etwas aus dem Konzept gebracht zu haben. Die Pausenansprache der Gastgeber schien unterdessen Wirkung zu zeigen. Spätestens als Staßfurts Max Dittwe den Unionern mit einer übermotivierten Grätsche am Mittelkreis und der daraus resultierenden Roten Karte eine gut halbstündige Überzahl servierte, schien das Schönebecker Comeback nur eine Frage der Zeit. „Er kam da zu spät, das war ärgerlich. Aber wie die Mannschaft danach trotzdem weiter gefightet hat, das war schon richtig beeindruckend“, ordnete Staßfurts Trainer Philipp Schmoldt ein.
Sein Gegenüber musste unterdessen mit ansehen, wie seine Spieler „alles falsch machten, was man in Überzahl falsch machen kann“. Zwar kamen die Gastgeber durch einen sehenswerten Schuss von Frenkel (75.) über den Innenpfosten zum 2:2 und Hoof hoffte kurz: „Jetzt haben wir sie.“ Doch er sollte sich irren. Union blieb in der Offensive ungewöhnlich ungefährlich, während sich die zehn Staßfurter nach jedem geklärten Ball und jeder Torchance pushten. „Genau das, was wir auch wollten“, ärgerte sich Hoof, der spätestens nach dem 3:2 von Victor-Ramon Roldán-Arias nicht mehr an ein erneutes Comeback seiner Mannschaft glaubte.
Unterdessen kannte der Jubel bei den Gästen keine Grenzen. Das erste Mal bereits direkt nach dem Siegtreffer und wenige Augenblicke später noch einmal, als Schiedsrichter Philipp Haacke abpfiff. Staßfurts Spieler, Trainer und Betreuer lagen sich wortwörtlich in den Armen, ließen alles heraus, was sich während der 90 Minuten angestaut hatte. Es war eine Emotionalität, die Union an diesem Tag vermissen ließ.

Staßfurts Fußballer bejubelten nicht nur jedes Tor, wie hier das 2:1 kurz vor der Pause, sondern auch jede gelungene Aktion lautstark.
Foto: Tobias Zschäpe
Originalbericht: Volksstimme vom 09.06.2026